Aktuelles

Aus Klimaportal RWTH Aachen
Wechseln zu: Navigation, Suche

WBGU: Die Große Transformation in Comic-Form

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung (WBGU) ließ ihr Hauptgutachten von 2011 in der Form eines Comics aufarbeiten, welches am 01.03.2014 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Der Comic „Die Große Transformation – Klima: Kriegen wir die Kurve?“ basiert auf dem WBGU-Gutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. In neun Episoden thematisieren Mitglieder des WBGU als Comic-Helden die Große Transformation zur klimaverträglichen, nachhaltigen Gesellschaft. Das Buch ist Teil eines vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) geförderten Kommunikationsprojektes zur Bewertung alternativer Wissenstransferansätze für komplexe Zukunftsthemen. Zuvor hat der WBGU dieses Gutachten in englischer Sprache bereits als videobasierte Lehrveranstaltung aufgezeichnet, die an Hochschulen eingesetzt werden kann. Das Buch wird von Beiratsmitglied Reinhold Leinfelder sowie Alexandra Hamann und Claudia Zea-Schmidt herausgegeben und ist im Verlagshaus Jacoby&Stuart erschienen. Eine englische Version ist geplant. Von der Deutschen Umweltstifung wurde es bereits als "Umweltbuch des Monats" ausgezeichnet.

Klimaverträgliches Wirtschaften und nachhaltige Entwicklung: Gesellschaftsvertrag für eine Grosse Transformation

Topografie der Transformation WBGU 4-011
Zeitliche Dynamik und Handlungsebenen der Transformation WBGU 4-011

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

P R E S S E E R K L Ä R U N G - Sendesperrfrist: 7. April 2011, 10 Uhr -

Klimaverträgliches Wirtschaften und nachhaltige Entwicklung: Gesellschaftsvertrag für eine Grosse Transformation Berlin, den 7. April 2011.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) übergibt heute sein neues Hauptgutachten „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, an Bundesforschungsministerin Annette Schavan und Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Der WBGU begründet in diesem Bericht die dringende Notwendigkeit einer post-fossilnuklearen Wirtschaftsweise, zeigt zugleich die Machbarkeit der Wende zur Nachhaltigkeit auf und präsentiert zehn konkrete Maßnahmenbündel zur Beschleunigung des erforderlichen Umbaus. Damit die Transformation tatsächlich gelingen kann, muss ein Gesellschaftsvertrag zur Innovation durch einen neuartigen Diskurs zwischen Regierungen und Bürgern innerhalb und außerhalb der Grenzen des Nationalstaats geschlossen werden. Nur mit einem tiefen gemeinsamen Verständnis von klimaverträglicher Wertschöpfung und nachhaltiger Entwicklung lässt sich die globale Krise der Moderne überwinden. Mit dem Gutachten zeigt der WBGU Perspektiven für die Zukunft nachhaltigen Wirtschaftens auf, die nach dem atomaren Desaster von Fukushima erst Recht auf der Agenda der nationalen und internationalen Politik stehen müssen.

Die Welt im Umbruch

Die Demokratiebewegungen, die gegenwärtig die Machtstrukturen der arabischen Welt erschüttern und die in kürzester Zeit zu kaum vorstellbaren Umwälzungen geführt haben, zeugen – wie etwa auch der Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 – von der Wirkungsmacht transformativer Kräfte, welche sich mitunter lange im Verborgenen aufbauen. Aus diesen Entwicklungen lassen sich vor allem zwei Lehren ziehen: Erstens ist die Zeit oft bereits reif für einschneidende Veränderungen, auch wenn die Oberfläche einer Gesellschaft noch den Eindruck von Stabilität vermittelt. Dies gilt nicht nur für das verstärkte Streben nach Selbstbestimmung und Teilhabe in vielen Regionen der Erde, sondern zeigt sich auch am klar belegten globalen Wertewandel in Richtung Nachhaltigkeit. Zweitens wirft das Taumeln der auf Öl- und Gasförderung gestützten autokratischen Systeme ein grelles Licht auf die immensen ökonomischen, politischen und sozialen Kosten einer Weltwirtschaft, welche fast ausschließlich von fossilen Energieträgern angetrieben wird – von den ökologischen Schäden ganz zu schweigen. Überdies verdeutlicht die atomare Tragödie in Japan, dass schnelle Wege in eine klimaverträgliche Zukunft ohne Kernenergie beschritten werden müssen. Das herkömmliche industrielle Modell zeigt international bereits Erosionserscheinungen. In vielen Ländern erleben die erneuerbaren Energien ein stürmisches Wachstum. Zahlreiche Regierungen, Städte und Unternehmen setzen klimaverträgliche Zukunftskonzepte in die Praxis um. In allen Bereichen der Gesellschaft gibt es Pioniere des Wandels, die sich aktiv für Dekarbonisierung und Ressourcenschutz einsetzen. Der WBGU bezeichnet diesen kraftvoll einsetzenden Strukturwandel als die „Große Transformation“ von der fossilen zur post-fossilen Gesellschaft – vergleichbar mit dem Übergang von der Agrargesellschaft zur kohlegestützten Mechanisierung im 18. Jahrhundert.

Den vollständigen Text und das Hauptgutachten „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ finden Sie hier:

Energiewende in Deutschland: Wie das Land nach dem Atomausstieg mit Strom versorgt werden kann und der Umstieg auf erneuerbare Energien bezahlbar bleibt.

Sonderbericht Süddeutsche Zeitung vom 17.03.2011

Wir haben diesen informativen Bericht zur aktuellen Energiesituation nach der Katastrophe in Japan hier aufgenommen, weil er die wichtigsten Aspekte zusammenhängend behandelt. Dies hier ist der einleitende Artikel. Der gesamte Text in der folgenden Datei.

Der Bericht enthält folgende Teile: Verzicht ohne Verlust, Hektische Wende, Die große Rechnung,Solarenergie, Biomasse, Wind- und Wasserkraft,Erdöl und Erdgas, Kohle


Verzicht ohne Verlust

Werden Atomkraftwerke abgeschaltet, bedroht das weder den Wohlstand noch die Energieversorgung

Von Michael Bauchmüller, Markus Balser und Martin Kotynek


Die Kehrtwende der Bundeskanzlerin war erst ein paar Stunden alt, da liefen im Umweltbundesamt die Rechner heiß. Schon im vorigen Jahr hatten die Experten der obersten deutschen Umweltbehörde einmal überprüft, wann und wie es genügend Strom auch ohne Atom geben könnte. Jetzt fütterten sie ihre Modelle mit den neuesten Daten. Das Ergebnis: Problemlos könnte sich Deutschland bis zum Jahr 2017 auch ohne Kernkraftwerke mit Strom versorgen. Mehr noch: Nicht nur auf die sieben ältesten Atomkraftwerke könnte die Bundesrepublik sofort verzichten, sondern gleich auf neun. Auch das AKW Krümmel, seit langem nach Zwischenfällen vom Netz, ließe sich damit endgültig abschalten. 'Dies ist ohne Einschränkungen der Versorgungssicherheit und ohne zusätzliche Stromimporte möglich', sagt Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamtes. Schließlich bestünden im deutschen Kraftwerkspark derzeit Überkapazitäten von 15 Gigawatt Leistung - was gut und gerne 15 Kernkraftwerken entspricht. Zieht man die nötige Reserve ab, bleibe immer noch Spielraum für sofortige Abschaltungen. Seit dieser Woche geht der Atomausstieg plötzlich ganz schnell. Sieben Atomkraftwerke werden derzeit heruntergefahren oder sind schon vorübergehend vom Netz, mindestens Neckarwestheim1 wird nie wieder Strom erzeugen, und die Kanzlerin hat eine Drei-Monats-Frist des Innehaltens ausgerufen. 'Wir werden die Zeit nutzen, um die Energiewende zu beschleunigen', sagt Angela Merkel jetzt. Zwölf Jahre längere Laufzeit für die deutschen Kernkraftwerke? Längst Vergangenheit. Von den sieben Kernkraftwerken, die jetzt vom Netz gingen, so heißt es in Kreisen der Länder, werde wohl kaum eines je wieder ans Netz gehen. Isar1, Philippsburg1, Biblis Aund B, Unterweser, Brunsbüttel: Ihre Zeit scheint abgelaufen zu sein. Aber lässt sich ihre Kraft so einfach ersetzen? Und: Ist die Energiewende überhaupt bezahlbar? Experten meinen: ja. 'Bis 2050 können wir nach verschiedenen Szenarien den Strom vollständig aus erneuerbaren Energien beziehen', sagt Bundesamt-Chef Flasbarth. 'Und das auch, wenn wir 2017 das letzte Kernkraftwerk stilllegen.' Der Aufwand der Energiewende ist jedoch enorm: Sie erfordert mehr Windenergie und zusätzliche Stromleitungen, um Windstrom Richtung Süden zu bringen; sowie Stromspeicher, die den Strom immer dann aufnehmen, wenn er im Übermaß vorhanden ist, und ihn wieder abgeben, sobald er knapp wird. Hundert Prozent Ökostrom im deutschen Stromnetz - wie das in der Praxis funktionieren soll, haben etwa die Experten des Sachverständigenrates für Umweltfragen in mehreren Szenarien ausgerechnet. Das Ergebnis: Um den Strombedarf künftig allein mit Öko-Anlagen zu decken, reicht es in einer Übergangszeit bis 2050 aus, erneuerbare Energien auszubauen und bestehende Kohle- und Gaskraftwerke vorübergehend am Netz zu lassen. Da sind sich die Experten von Umweltrat und Umweltbundesamt einig: Auch das Amt hält neue Kohlekraftwerke nicht für nötig - jedenfalls nicht mehr als jene, die schon in Bau sind. Vorübergehend werde allerdings die Auslastung bestehender Kohlekraftwerke steigen, auch bestehe Bedarf an neuen Erdgaskraftwerken im Umfang von fünf Gigawatt. 'Aber das bleibt ohne Effekt für das Klima, denn die Gesamtemissionen der EU sind gedeckelt', sagt Flasbarth. Gaskraftwerke bezeichnet der Sachverständigenrat für Umweltfragen 'als Brücke hin zu einer regenerativen Stromversorgung'. Die wichtigste Energiequelle wird nach den Modellen des Umweltrates in Zukunft aber die Windenergie sein, vor allem Windparks im Meer - keine andere Energiequelle wird bis 2050 billigeren Strom liefern. Was in den Szenarien nicht vorkommt, ist die Kernkraft. Die Meiler würden von 2020 an sogar Probleme im Stromnetz verursachen: Bläst stärkerer Wind und scheint die Sonne, so erzeugen Windparks und Solaranlagen so viel Strom, dass die Atomkraftwerke noch viel häufiger als bisher heruntergeregelt werden müssen - im Jahr 2020 schon bis zu 120 Mal pro Jahr, schätzt der Umweltrat. Darauf sind die Meiler jedoch nicht ausgelegt. Ihr Wirkungsgrad sinkt, das Material wird schneller defekt, die Kosten für die Stromerzeugung steigen. Von 'Brückentechnologie' hin zu 100 Prozent Ökostrom, wie die Bundesregierung die Atomkraft bisher gesehen hat, kann den Experten zufolge also keine Rede sein. Die Technologie für die Energiewende ist also längst da, doch das Problem sind Kosten und Akzeptanz. Der Umbau zum atomkraftfreien Öko-Stromnetz wird ein Milliardenprojekt. Denn Voraussetzung ist, dass die bestehenden Netze umgebaut und neue Technologien zur Stromspeicherung entwickelt werden. Mehr als 3500 Kilometer an 380-Kilovolt-Stromtrassen fordert etwa die Deutsche Energie-Agentur bis zum Jahr 2020. Sie sollen vor allem den Windstrom vom Norden des Landes in die Zentren im Süden und Westen bringen. Denn nirgendwo weht der Wind stärker als vor der Küste. Doch die meisten Verbraucher leben Hunderte Kilometer davon entfernt. Dem hält die bestehende Infrastruktur nicht mehr lange stand. Deutsche Netze waren nie für den dauerhaften Transport großer Strommengen über weite Distanzen gedacht. Denn herkömmliche Energielieferanten wie Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerke sind über das ganze Land verteilt. Mit schwerwiegenden Folgen: Längst produzieren Deutschlands Windmühlen bei günstigen Wetterlagen mehr, als die Netze aufnehmen können. Nicht selten müssen Parks abgeschaltet werden, weil die Stromleitungen überlastet sind. Das Netz wird zum Risiko bei der Energiewende. Politikern und Experten wird klar: Der Umbau in Deutschland wäre erst der Anfang. Wenn der Plan funktionieren soll, darf er an nationalen Grenzen nicht enden. Der für Energie zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger wünscht sich bereits einen europäischen Stromverbund. Ein neues deutsches Höchstspannungsnetz müsste Bestandteil einer europäischen Lösung werden und darüber hinaus noch Länder in Nordafrika und Nahost einschließen. Erst dann könnte der Kontinent sich unabhängig machen von den Launen der Natur. Pläne dafür gibt es bereits. Neun Anrainer-Staaten der Nordsee, darunter die Niederlande, Belgien, Deutschland, Dänemark, Frankreich und Großbritannien wollen unter dem Namen Seatec ein Netz aus Unterseekabeln in der Nordsee bauen. Es soll Windparks auf hoher See mit Wasserspeichern in Norwegen und Gezeitenkraftwerken vor der dänischen und belgischen Küste verbinden. So ließe sich Windstrom erstmals im großen Stil speichern und abrufen, wenn er gebraucht wird. In einem zweiten Schritt könnte das Netz mit den Kraftwerken der Solar-Initiative Desertec in Nordafrika verbunden werden. Erst dann kann grüner Strom tatsächlich zuverlässig aus jeder Steckdose kommen. Welche dieser gewaltigen Vorhaben realisiert werden, ist noch unklar. Fest steht nur: Den Umbau der Stromversorgung zahlen die Stromkunden. Sie finanzieren den Netzausbau über die sogenannten Netzentgelte, die ein Teil des Strompreises sind. Und auch die garantierte Vergütung für erneuerbare Energien, die sogenannte EEG-Umlage, wird auf alle Stromkunden umgelegt - derzeit sind das 3,5 Cent je Kilowattstunde. Insgesamt rechnet eine Studie des Umweltministeriums für die Energiewende bis zum Jahr 2020 mit notwendigen Investitionen von insgesamt 202 Milliarden Euro, ähnlich hoch bleibe das Niveau in den folgenden Jahren. Doch die Experten machen Mut: 'Mit wesentlich höheren Kosten durch die Energiewende müssen wir nicht rechnen', sagt Umweltbundesamt-Präsident Flasbarth. Schon von 2025 an, schätzen Fraunhofer-Institut und Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, könnten die positiven Wirkungen überwiegen: 'Danach werden der Volkswirtschaft durch die Nutzung der erneuerbaren Energien Aufwendungen erspart, die andernfalls für die zusätzliche Versorgung mit fossilen Energien aufgewandt werden müssten', heißt es einer Studie für das Umweltministerium. Und auch die EEG-Umlage dürfte kaum mehr weiter steigen, sondern werde vielmehr auf lange Sicht sinken, heißt es in der Untersuchung. Gleichzeitig ließen sich dadurch die Kohlendioxid-Emissionen massiv senken, auch die Umweltgefährdungen nähmen ab - ganz zu schweigen von den Risiken der Kernkraft. (SZ vom 17.03.2011)

Weiterführende Diskussion:

Kabinett verabschiedet Eckpunkte des Klimaschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen

November 2010: Das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz teilt mit:

Nordrhein-Westfalen wird Vorreiter beim Klimaschutz. Das Landes­kabinett hat in seiner gestrigen Sitzung Eckpunkte für das neue Klima­schutzgesetz NRW verabschiedet. "Die Folgen der Klimaveränderungen sind weltweit und auch in Nordrhein-Westfalen bereits deutlich sicht- und spürbar", sagte Klimaschutzminister Johannes Remmel. Um die Folgen des Wandels zu begrenzen, sei es daher notwendig, den globalen Temperaturanstieg insgesamt auf zwei Grad zu begrenzen. Remmel: "Nordrhein-Westfalen kommt bei der Erfüllung der Klimaschutzziele eine besondere Verantwortung zu, da hier etwa ein Drittel aller in Deutschland entstehenden Treibhausgase emittiert werden."

In Nordrhein-Westfalen soll jetzt ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht werden, durch das die Ziele rechtsverbindlich und verbindliche Mechanismen und Vorgaben für die Erarbeitung, Umsetzung, Über­prüfung, Berichterstattung und Fortschreibung der klimapolitisch not­wendigen Maßnahmen festgeschrieben werden. Die Verabschiedung der Eckpunkte durch das Kabinett ist nun der erste Schritt und skizziert die zentralen Inhalte des zu erarbeitenden Klimaschutzgesetzes. Auf der Basis des Gesetzes legt die Landesregierung dem Landtag in 2011 einen Klimaschutzplan vor, der die erforderlichen Maßnahmen zur Erreichung des Klimazieles sowie Zwischenziele festlegt.

Eckpunkte des Klimaschutzgesetzes NRW sind unter anderem:

- die verbindliche Verminderung der Treibhausgasemissionen in Nordrhein-Westfalen bis 2020 um mindestens 25 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990;

- die Steigerung der Energieeffizienz, die Energieeinsparung und der Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie

- die Begrenzung der negativen Auswirkungen des Klimawandels;

- die Einrichtung eines Klimaschutzrates;

- die Einführung von Klimaschutzzielen als Ziele der Raumordnung

- und eine CO2-neutrale Landesverwaltung bis 2030.

Hightech-Strategie 2020 für Deutschland. BM Anette Schavan will CO2-neutrale, energieeffiziente und klimaangepasste Stadt

8.Oktober 2010 Deutscher Bundestag: "Zu den Zukunftsprojekten gehört zum Beispiel die „CO2-neutrale, energieeffiziente und klimaangepasste Stadt“ – kurz „Nachhaltigkeitsstadt“. Sie ist nicht nur eine Vision, sie ist der Prototyp für die Zukunftsprojekte. Wichtig ist der Gesamtkontext. Die Nachhaltigkeitsstadt steht in einem engen Zusammenhang mit dem Fortschritt des Zukunftsprojektes „Intelligenter Umbau der Energieversorgung“. Wo es solche klaren inhaltlichen Schnittmengen gibt, werden wir sie nutzen.“

WDR5 Interview mit Prof. Gerhard Curdes zum Thema "Städteplanung in Zeiten des Klimawandels"

In Shanghai/China wird die Weltausstellung eröffnet (1.5. bis 31.10.). Das Motto lautet "Better city, better Life"; Thema wird u. a. die Stadtplanung in Zeiten des Klimawandels sein. In NRW befasst sich z. Zt. eine Forschergruppe an der RWTH Aachen mit der Frage, wie Städte kreativ mit den Herausforderungen der Erderwärmung umgehen können. Dabei geht es nicht nur um energetische Altbausanierung, sondern auch um die Erwärmung von Straßenbelägen und Dächern. Auch die Kanalisation muss ggf. ausgebaut werden, um Starkregenfälle aufzunehmen.

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung regt entschiedene Wende der Klimapolitik an

Der WBGU regt in diesem Politikpapier eine entschiedene und rasche Wende der globalen Klimapolitik an. Die Klimaverhandlungen zur Erreichung eines international verbindlichen Regelwerkes zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen müssen erneuert und durch ein Bündel von Initiativen ergänzt werden. Skizziert wurde ein Mehrebenensystem, das nach dem unzureichenden Ergebnis des Kopenhagener Klimagipfels dessen positive Aspekte aufgreift, zugleich aber die Spannungsfelder einer polyzentrischen Weltkonstellation berücksichtigt und sich stärker von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Basis her auf ein globales Regieren im Klima- und Energiebereich hin bewegt. Darunter werden ganz unterschiedliche Ansätze gefasst, die man analytisch und praktisch auseinanderhalten muss:

•Subnationale Klimainitiativen und Allianzen von Städten in Ergänzung zentralstaatlicher und supranationaler Steuerungsversuche;

•Unternehmensaktivitäten, die einen Markt für klimaverträgliche Produkte und Dienstleistungen schaffen;

•Freiwillige und eigenverantwortliche Reduktionsverpflichtungen der Zivilgesellschaft, die gesetzliche und administrative Regelungen antizipieren oder übertreffen;

•Eine Klimapolitik, die auf verschiedene Instrumente und Regime setzt;

•Eine Klimapolitik, die die Multipolarität der Weltpolitik

spiegelt und Raum für spontane oder koordinierte staatliche Initiativen schafft (wie das von Norwegen und Deutschland unterstützte Amazonasschutzprogramm in Brasilien oder die Low-carbon-Partnerschaft Großbritanniens mit China) und parastaatliche Ansätze (etwa die Soros Climate Policy Initiative oder die von der Stiftung der Münchener Rückversicherung angestoßene Initiative zum Versicherungsschutz von Kleinbauern in Entwicklungsländern, die vom Klimawandel bedroht sind).

Dieser Mehrebenenansatz, der weiterhin ein völkerrechtlich verbindliches Klimaabkommen als Fluchtpunkt hat, sollte mit einer durch Strategiepapiere unterlegten Generaldebatte der Länder über die Umsetzung des Copenhagen Accord ergänzt werden. Es sollte insbesondere diskutiert werden, auf welche Weise die große Lücke zwischen den angebotenen und den zur Einhaltung der 2 °C-Leitplanke notwendigen Verpflichtungen geschlossen werden kann und wie das Klimathema die ihm zukommende Relevanz in der Formulierung globaler Politikziele erlangen kann.

RWTH-Umweltforum wirbt für Projekt «CO2-freie Städteregion»

Von Udo Kals | 25.02.2010, 16:49 Aachener Zeitung

Städteregion. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, sagt Professor Gerhard Curdes. Und er gibt zu: «Manche sagen, es ist zu ehrgeizig.» Doch für den Sprecher der Arbeitsgruppe Energie des Umweltforums der RWTH Aachen birgt das Projekt «CO2-freie Städteregion 2050» eine große Chance - nämlich im Sinne des Klimaschutzes nicht nur ein ambitioniertes Ziel zu formulieren, sondern auch die vielfältigen Projekte und Anstrengungen zu bündeln. «Es gibt viele Einzelinitiativen. Aber niemand hat derzeit einen Gesamtüberblick. Man weiß nicht, wer was und mit welchen Effekten tut», sagt Curdes, der einen ganzheitlichen Ansatz fordert: «Alle Akteure müssen unter einem Dach zusammenarbeiten und auf verschiedenen Handlungsfeldern kooperieren.»

Will heißen: Kommunen, Hochschulen, Versorger, Kammern und andere Institutionen müssten gemeinsame Strategien für Bereiche wie Windenergie und energetische Altbausanierung, aber auch wie zukunftstaugliche Siedlungsstruktur oder klimaverträglicher Orts- und Regionalverkehr entwickeln. Neben den Klimaeffekten könnten als weitere Vorteile ein Aufbruchsignal für die Region gesetzt und Synergien durch die Bündelung des Wissens geschaffen werden, sagt Curdes, der dem städteregionalen Umweltausschuss jetzt ein ausgefeiltes Konzeptpapier vorstellte, und betont: «Im Sommer könnten wir mit dem Projekt starten.»

Politik muss entscheiden

Ob die Kooperation mit der RWTH zustandekommt, wird die Politik in den nächsten Monaten entscheiden müssen und hängt vor allem von finanziellen wie organisatorischen Fragen ab. Inhaltlich gibt es - mit Ausnahme der FDP-Fraktion, die die fehlende Überprüfbarkeit der Klimaschutzziele moniert - kaum einen Dissens, will sich die Städteregion doch nicht nur auf Drängen der schwarz-grünen Mehrheit als klimapolitische Modellregion profilieren. Aus gutem Grund, wie Dr. Thomas Griese (Grüne) betont: «Das ist nicht nur Politik von ein paar Umweltbewegten. Vielmehr ist aktive Umweltpolitik auch aktive Wirtschaftspolitik.»

Ein wichtiger Bestandteil ist das städteregionale Klimaschutzkonzept, das im Jahr 2008 vom Kreistag auf den Weg gebracht wurde. Das Papier soll - zumindest für das ehemalige Kreisgebiet - unter anderem eine CO2-Bilanz enthalten und auf dieser Grundlage realistische Handlungsempfehlungen geben. Liegen die Ergebnisse vor, soll nach dem Willen von CDU, SPD, Grünen, UWG und Linkspartei die kommunale Zusammenarbeit intensiviert werden. Das heißt vor allem auch, dass das Klimaschutzkonzept - wenn möglich und gewünscht - mit dem der Stadt Aachen verzahnt wird.

Aber auch unter den ehemaligen Kreiskommunen soll ein intensiver (Erfahrungs-)Austausch stattfinden. Bei der Umsetzung setzt Schwarz-Grün auf politische Verantwortung. Das heißt: Sollte ursprünglich ein Projektbeirat den Prozess begleiten, wird nun gegen gegen die Stimmen der Opposition ein Unterausschuss «Modellregion Klimaschutz» eingesetzt. Griese: «Ein Beirat ist uns schlicht und einfach zu wenig, um diesen wichtigen Prozess zu steuern.» Wobei bei Bedarf themenbezogen Akteure aus verschiedenen Bereichen eingebunden werden sollen.

Einige von ihnen werden sich schon bald treffen - so findet am 24. März eine Klimakonferenz im Energeticon in Alsdorf statt, die so mancher als wichtige Auftaktveranstaltung für den langen Weg zu einer möglichst CO2-freien Städteregion ansieht.

Aktuelle Vorträge zum Thema Kimawandel

Gerhard Curdes: Das Ende der Welt wie wir sie kannten“* Klimawandel - ein technisches oder ein mentales Problem? Vortrag am 31.1.2010 im Rahmen des Philosophischen Salons von Logoi, Aachen (* Buchtitel von Claus Leggewie + Harald Welzer)

Gerhard Curdes: Vortrag vor dem Ausschuss für Umwelt und Klima der StädteRegion Aachen am 24.2.2010

Ökostrom statt Reaktoren: Röttgen rät Union zum Atomausstieg

Neues Streitthema in der Koalition: Umweltminister Röttgen "will die Kernkraft ablösen" - und stellt sich damit gegen den Wirtschaftsminister. Süddeutsche Zeitung vom 6.2.2010. Von M. Bauchmüller

Die Union sollte sich möglichst bald von der Atomkraft verabschieden, glaubt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Die Union sollte sich nach Auffassung von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) möglichst bald von der Atomkraft verabschieden. Seine Partei müsse sich "gut überlegen, ob sie gerade die Kernenergie zu einem Alleinstellungsmerkmal machen will", sagte Röttgen der Süddeutschen Zeitung. Die Bundesregierung werde bis zum Herbst darlegen, wie die Reaktoren schrittweise durch erneuerbare Energien abgelöst werden sollen. Details nannte er noch nicht. Die gesellschaftlichen Widerstände gegen die Atomkraft seien zu groß, sagte Röttgen: "Kernenergie hat auch nach vierzig Jahren keine hinreichende Akzeptanz in der Bevölkerung", sagte er. Deshalb dürfe die Union ihren Erfolg nicht davon abhängig machen, dass Kernkraftwerke störungsfrei laufen. Die Bundesregierung werde in den nächsten Monaten prüfen, wie sich die Kernkraftwerke schrittweise durch erneuerbare Energien ersetzen lassen. Die schwarz-gelbe Regierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag zwar eine grundsätzliche Bereitschaft für längere Laufzeiten erkennen lassen, will diese aber in ein "Energiekonzept" einbetten. Bis zum Herbst soll es stehen.

Dieses Konzept sei nötig, "nicht um die Kernkraft zu festigen, sondern um darzulegen, wie wir sie ablösen", sagte Röttgen. Gleichzeitig warnte er davor, die Zusatzgewinne der Unternehmen mit einer Sonderabgabe abzuschöpfen. "Der Staat muss jeden Anschein vermeiden, er schöpfe Sondergewinne ab und mache dafür Zugeständnisse bei der Sicherheit", sagte er. Dies sei auch verfassungsrechtlich schwierig. Damit stellt er sich gegen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Der hatte kürzlich erklärt, er wolle "mindestens die Hälfte" der Sondergewinne abschöpfen. Aus dem Aufkommen könne der Ausbau erneuerbarer Energien finanziert werden, warb Brüderle. Auch die Unternehmen, die durch den längeren Betrieb der abgeschriebenen Atomkraftwerke zusätzliche Milliarden einnehmen werden, haben sich auf einen solchen "Vorteilsausgleich" eingestellt.

Auch Laufzeiten umstritten: Röttgen und Brüderle, die das energiepolitische Konzept erarbeiten sollen, dürften auch bei den Laufzeiten aneinandergeraten. Während Brüderle sie vor allem vom Zustand der Meiler abhängig machen will, möchte Röttgen den Reaktoren höchstens acht Jahre mehr Laufzeit zubilligen. "Die Kernkraftwerke sind auf 40 Jahre ausgelegt", sagte er. Gehe man darüber hinaus, "wäre das eine Zäsur".Auch müssten Sicherheitsstandards an den neuesten Stand von Wissenschaft und Technik angepasst werden. Nach dem geltenden Atomausstieg dürfen die deutschen Akws nur 32 Jahre lang laufen. Allerdings wurde diese Laufzeit umgerechnet in Strommengen; sie allein sind maßgeblich. Einige Reaktoren, etwa Biblis A und B in Hessen, Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein, sind schon heute älter als 32 Jahre, weil sie ihre Strommengen noch nicht produziert haben. Biblis A und Brunsbüttel stehen - auch in Erwartung längerer Laufzeiten - seit vielen Monaten still. Als Voraussetzung für den völligen Atomausstieg nannte Röttgen einen Anteil erneuerbarer Energien von 40 Prozent. Nach Plänen der Bundesregierung soll bis 2020 knapp ein Drittel des Stroms regenerativen Quellen wie Wind, Wasser und Sonne entstammen. Heute sind es 16 Prozent. Die Ökostrom-Branche peilt einen Anteil von 47 Prozent bis 2020 an. (SZ vom 06.02.2010/segi)

WWF: EU muss Reduktionsziel ohne Wenn und Aber erhöhen

19.1.2010 Berlin - Wenn die EU bei den Klimaverhandlungen wieder die gern und viel zitierte Vorreiterrolle einnehmen will, muss sie ihr Emissions-Reduktionsziel für 2020 umgehend von 20 auf mindestens 30 Prozent erhöhen, erklärt der WWF kurz vor dem Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten (COREPER). In Brüssel wollen sich die EU-Vertreter am Mittwoch darüber verständigen, mit welchem Minderungsziel sie die Klimaverhandlungen nach Kopenhagen weiterführen.

„Die EU muss im Klimaschutz endlich wieder eine Führungsrolle übernehmen. Hierfür ist die Festlegung auf ein Reduktionsziel von mindestens 30 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 das Minimum. Nur so kann der Staatengemeinschaft signalisiert werden, dass die EU weiter Treiber und nicht Getriebener im internationalen Klimaschutz ist“, erklärt Regine Günther, Leiterin Klimapolitik und Energie des WWF Deutschland. Im Jahr 2007 hat die EU eine Emissionsminderung von 30 Prozent bis 2020 unter den Wert von 1990 nur dann in Aussicht gestellt, wenn auch andere Länder weitere Zugeständnisse machen. Dies ist nach Ansicht des WWF in der Zwischenzeit passiert.

Auch wenn die „Kopenhagener Übereinkunft“ als Abschlussdokument der Klimakonferenz im Dezember enttäuschend sei, müssten die Staats- und Regierungschefs jetzt darauf aufbauen. Zu der Übereinkunft in Kopenhagen gehört eine Liste, in die jedes Land bis zum 31. Januar 2010 seine geplanten Reduktionsziele eintragen soll. „Die EU muss mit einem ambitionierten Reduktionsziel dafür sorgen, dass die Kopenhagener Übereinkunft mit Leben erfüllt wird. Diese Chance darf nicht verpasst werden“, so Regine Günther.

Klimaschutz: Grüner Leben - Ein aktueller Anstoß aus der Zeitung "Die Zeit"

Die Botschaft lautet: Grüner leben

Die Zeit: Nr. 53 vom 22.12.2009 Von Uwe Jean Heuser

Egal, ob die Welt mitzieht – Deutschland profitiert von einer Ökowende. Bloß, wie bringt man das den Menschen im Alltag bei? Rund um den Kopenhagener Gipfel fiel der Satz genauso oft wie auf anderen Klimatreffen. Angeblich verfügt die Welt längst über alles, um den Kampf gegen die Erderwärmung zu gewinnen: das Wissen. Die Technologie. Den Politikentwurf. Sie müsste sich nun bloß noch zur Umsetzung bequemen. Das klingt gut. Es stimmt bloß nicht. Die Fachleute wissen in etwa, wie viel Kohlendioxid der Mensch noch in die Luft blasen darf, bevor es chaotisch wird in der Atmosphäre. Daraus leiten sie ab, wie schnell die Industrieländer sauber werden müssen und wie lange aufstrebende Nationen von China bis Brasilien ihren Ausstoß noch steigern können – und wie viele Emissionsrechte die Staaten deshalb versteigern dürfen. Die Fachleute kennen sich also aus in der Technokratie der Weltrettung.

Nur den Menschen können sie nicht mit berechnen. Nach New York zu fliegen ist nicht klimafreundlich. Aber um James Hansen zu besuchen, lohnt es sich. Der Chefklimaforscher der Nasa sagt, was er denkt, und als Beamte einmal seine Statements zu beeinflussen versuchten, sagte er auch das laut. Er ist einer von denen, die ziemlich genau wissen, was die Erde sich noch leisten kann und was nicht. Zum Beispiel keine neuen Kohlemeiler ohne eine Technik, die das Klimagas abschneidet und bunkert.

Früher meinte Hansen, die Welt müsse seinen Berechnungen doch folgen. Dann ist er in die zwei Länder gefahren, von denen er sich am meisten erwartete: nach Japan und nach Deutschland. Er kam desillusioniert zurück. Dort sagten die Politiker zwar das Richtige – handelten aber ohne Konsequenz und genehmigten beispielsweise laufend neue Kohlemeiler.

Doch der Fehler liegt nicht nur bei den Politikern, sondern auch bei Hansen und seinen Forscherfreunden. Modelle zur Erderwärmung reichen eben nicht. Echter Wandel von Menschen und ganzen Nationen lässt sich nicht einfach vorschreiben, er beginnt langsam, läuft chaotisch ab und beschleunigt sich auf einmal. Also, Herr Hansen, müssten wir nicht untersuchen, wie Gesellschaften umdenken und umlenken? Ja, gibt er sofort zu, wir müssten versuchen, die Gesellschaften an einen tipping point, einen Kipp-Punkt zu bringen. Deshalb hat Hansen auch seine Taktik geändert. Er hat die Hoffnung aufgegeben, dass er durch Fakten die Politiker umstimmen kann. Nun will er die jungen Menschen in Schulen und Universitäten gewinnen, die Leidtragenden der Erderwärmung, die für eine neue Politik sorgen sollen.

Eine Ökowende kommt vom Staat und von den Bürgern zugleich, oder sie kommt gar nicht zustande. Die Bundesrepublik brauchte diese Revolution dringend. Noch ist sie ein ökologisches Vorzeigeland. Und daraus zieht die Nation, in deren Forstwirtschaft die Idee der Nachhaltigkeit erfunden wurde, daraus zieht die Republik der Waldretter, Mülltrenner und Bioesser auch einen Teil ihres Selbstverständnisses. Jedoch: Nun hat sie sich in einige Widersprüche verwickelt. Sie ist ein, wenn nicht der Vorreiter für Umweltenergietechnik, doch sie subventioniert Solarstrom so heftig, dass sich die hiesigen Hersteller der Anlagen nicht mehr um Innovation bemühen müssen. Sie treibt die EU zu mehr Klimaschutz, doch sie bremst, wenn Brüssel der Autoindustrie harte Abgasgrenzen setzen will. Sie feiert sich als Vorbild – und sieht zu, wie andere Länder ein Stromnetz der Zukunft errichten.

Die Konkurrenz wacht auf. Japan zum Beispiel will erklärtermaßen zur Modellnation werden. Lange schon war der Inselstaat besonders energieeffizient. Nun, da sich die Nachfrage auf der Welt vervielfacht, soll die Klimatechnologie zur großen Exportindustrie werden. Und so zurückhaltend die USA auch bei offiziellen Klimazielen sind, investieren sie doch kräftig in die Umwelttechnik. Der Ölstaat Texas wird zum riesigen Produzenten von Windenergie, Kalifornien zum Mekka der Solarenergie. 40 Milliarden Dollar aus Obamas Konjunkturpaket gehen in die Energieforschung. Auch da sieht Deutschland schlecht aus: Nur 13 Prozent des großen deutschen Konjunkturprogramms lassen sich als grün beschreiben, im Schnitt der anderen großen Länder sind es fast 20 Prozent.

Egal, wie die Welt das Signal aus Kopenhagen aufnimmt, Bürger und Wirtschaft brauchen neue Gewohnheiten. Addiere man die Chancen mit den Notwendigkeiten, sei Grün keine vorübergehende Mode mehr, sondern »die Art, wie man baut, entwirft, herstellt, arbeitet und lebt«, schreibt der amerikanische Autor Thomas Friedman. »Grün wird zum intelligentesten, effizientesten, billigsten Weg – sofern alle wahren Kosten berücksichtigt werden –, um die Dinge zu erledigen.« Der globalisierte Wettbewerb der Nationen werde im Ringen um Grün entschieden. Wer noch ein zusätzliches Argument für die Verhaltenswende braucht, findet es bei Hans Joachim Schellnhuber. »Der Norden muss den raschen Übergang zur nachhaltigen Wirtschaftsweise vorleben«, so der Potsdamer Klimaforscher. Er hört es von indischen und chinesischen Kollegen unisono: »Zu allererst müsst ihr, die Verursacher des Desasters, euer schmutziges Leben ändern und ein glaubwürdiges Zeichen setzen.« Aber wie geht das, wie leitet man eine Verhaltens- und damit auch eine Haltungswende ein? Verhaltensökonomen erforschen heute eingehend, wie die Menschen ihre Entscheidungen treffen. Dabei zeigt sich ein ums andere Mal, dass die Menschen weder so kaltblütig egoistisch sind, wie Wirtschaftsforscher früher annahmen, noch halb so selbstbestimmt. Sie sind oft bequem, folgen dem allgemeinen Komment und kopieren das Verhalten ihres Umfeldes. Auf diese Weise entstehen Moden, Gewohnheiten und Routinen des Alltags.

Der Ökonom Richard Thaler aus Chicago ist so eine Art James Hansen der Verhaltensforschung. Nudge nennt er sein Konzept – die Menschen mit geschickter Psychologie »anstupsen«, damit sie sich wenden. Im Umweltschutz beginnt das für ihn nahezu banal: mit »Feedback für die Konsumenten durch mehr Information«. Er beruft sich auf ein US-Gesetz, nach dem mehr als 20.000 Fabriken ihre giftigen Abfälle öffentlich machen mussten – und das viele Firmen dazu bewog, sauberer zu werden. Genauso sollten die größten Klimagassünder gezwungen werden, Jahr für Jahr ihre Emissionen publik zu machen. Bürgergruppen und Medien würden dafür sorgen, dass die Nachricht beim Kunden ankäme. In Thalers Welt sollen Autos Aufkleber tragen, die allen sagen, was sie verbrauchen, wie viel Klimagas sie herauspusten und wo sie damit in ihrer Klasse stehen. Viele Konsumenten möchten heute mit dem Umweltschutz ein wenig angeben – sollen sie, auch auf Internetseiten, die den eigenen Energieverbrauch anzeigen. Oder mit neuartigen kleinen Anhängern, die grün leuchten, wenn wenig Energie verbraucht wird, und rot leuchten, wenn alle Elektrogeräte laufen oder das Auto auf vollen Touren fährt. In Japan soll nun eine große Zahl von Konsumgütern mit ihrer Klimabilanz gekennzeichnet werden – denn alles, was die Umweltbilanz nicht bloß in Fußnoten, sondern unmittelbar sichtbar macht, schürt den Wettbewerb ums Grüner-Sein.

»Es kommt auf Verhaltensänderungen an«, sagt der Unternehmer Max Schön, der den deutschen Ableger des umweltbewegten Club of Rome führt – und damit auch auf das Bildungssystem. Schulen müssten nicht bloß die Klimalehre zum Unterrichtsstoff machen, sondern sich allgemein um vernetztes Denken bemühen. »Beispielsweise dadurch, dass der Mittelmeerraum nicht nacheinander, sondern parallel Unterrichtsgegenstand in den Fächern Erdkunde und Geschichte ist«, sagt Schön. »Seitdem die Lehrer den Stoff aufeinander abstimmen, verstehen die Schüler, dass der Niedergang des Römischen Reiches auch etwas mit Getreideanbau und Viehzucht im Mittelmeerraum zu tun hatte.« Die Logik: Wer systematisch denkt, denkt längerfristig, eher im Einklang mit der Natur.

Den größten Einfluss auf die Haltung der Deutschen zum Klimawandel habe nicht etwa das Einkommen, sondern die Wertorientierung, fand eine Studie für das Umweltbundesamt im Jahr 2007 heraus. Die Menschen müssen sich einen grüneren Kapitalismus vorstellen können und ihn umsetzen wollen. Dafür wiederum sollten sie sehen und erleben: Es lässt sich gut wohnen in Nullenergiehäusern, gut fahren in Stromautos und Strombussen, die ihre Antriebsenergie aus Wind und Sonne beziehen. Es rechnet sich, intelligente Haushaltsgeräte zu kaufen. Es führt zu interessanten Alternativen, wenn man Materialien für Möbel und Bauten klimafreundlich wählt.

Pilotprojekte des klimafreundlichen Wohnens und Fahrens, der heimischen Energiegewinnung und des grünen Arbeitsplatzes sollten das Land deshalb durchziehen, und zwar solche, die mit allen neuen Möglichkeiten arbeiten und sich nicht im kommunalen Interessengeflecht verheddern. An der Züricher Universität ist die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft entstanden. Auf dem Verbrauchsniveau könnten alle Menschen leben. In einzelnen Wohn- und Arbeitsprojekten verdeutlichen die Schweizer, wie das ohne größere Abstriche beim Komfort möglich ist. Die Uni, der Staat und Privatunternehmen finanzieren auch die kleine Firma Novatlantis, die daraus eine Kampagne mit mehr Strahlkraft entwickelt, als sie in der Bundesrepublik zu finden ist. »Wir zeigen an praktischen Beispielen auf, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen kann«, lautet das Motto für ein kleines Stück Ökowende.

Deutschland braucht viele Novatlantis. Um überzeugt zu werden, so sagen Einflussforscher, brauchten die Menschen zudem soziale Beweise, also Beispiele von Menschen, die entsprechend handeln, sich wohl dabei fühlen und Geld sparen. Prominente gehören auch dazu, weshalb es kaum mehr einzusehen ist, dass Politiker in großen Staatskarossen daherkommen – panzern, so weit notwendig, könnte man wohl ebenfalls einen mit Erdgas betriebenen VW Passat.

Berlin und die Bürger müssen sich gegenseitig bestärken in der Ökowende. Dazu sollten auch die härteren Faktoren, sollten Gesetze und Anreize stimmen. Eine klimafreundliche Regierung würde das Land nach laxen Verbrauchsgrenzen und nach falschen Subventionen durchkämmen, etwa für große, Sprit schluckende Autos oder für veraltete Heizungen. Sie könnte dafür sorgen, dass Kraftwerke anders als heute zeitlich begrenzt genehmigt werden – dann wird der Ausstieg zur Regel, und verhandelt wird nur noch über Verlängerungen. Auch sollte sie prüfen, wie man Investitionen für sparsames Heizen der Miete zuschlagen kann, damit der Vermieter in grüne Technik investiert. Größer wäre dieser Schritt: 1998 haben die Deutschen mehrheitlich die Ökosteuer gewählt, dann hat sich die Mehrheit furchtbar über den Benzinpreis aufgeregt, und Bundeskanzler Schröder hat weitere Steigerungen unterbunden. Doch dem Klima zuliebe müsste das deutsche Experiment weitergehen. Das ginge mit weniger Aufruhr, wenn die Steuer bei niedrigem Ölpreis steigen und bei hohem Ölpreis sinken würde – und insgesamt auf einen Benzinpreis abzielte, der langsam steigt, anstatt wie wild auf und ab zu hüpfen. Finanzminister mögen ein solch schwankendes Steueraufkommen zwar nicht, aber Autofahrer und Autobauer könnten dann besser planen.

Howard Gardner erforscht, wie wir unsere eigenen und anderer Menschen Einstellungen verändern. Dafür seien neben Gesetzen auch Institutionen notwendig, die das angestrebte Verhalten verkörpern, sagt der Harvard-Psychologe. Es ist ja gerade die Verstetigung, die in der Ökowende fehlt. Ohne sie bleibt es bei einzelnen Aufwallungen und Protesten, und dann hat die Klimaseele wieder ihre Ruh. Gardner zu folgen hieße, jene Schulen zu finden und zu stärken, die im weitesten Sinne Umweltbewusstsein lehren. Es hieße, mit Bürgerorganisationen für Klimaschutz und mit wahrhaft ökologisch orientierten Unternehmen zu kooperieren.

Es könnte aber auch heißen, einen Klimasekretär im Kanzleramt zu bestellen, der nicht im engeren Sinne des Umweltministers auf die Ökologie achtet, sondern von der Energiepolitik bis zur Bildungspolitik alle für die Ökowende wichtigen Bereiche koordiniert und beeinflusst. Diese Person wäre aber, wie wir alle, angewiesen auf eine echte Klimakanzlerin.

Von Angela Merkel bis Otto Normalverbraucher verursacht jeder Bundesbürger im Schnitt den Ausstoß von zehn Tonnen Klimagas im Jahr, weit mehr als die allermeisten Erdenbürger. Vor allem Jugendliche sind sich dieser Schieflage bewusst. Glücklicherweise meinen sie mehrheitlich, persönliches Engagement fürs Klima lohne sich. Allerdings berichten viele junge Leute auch von ihren Frustrationen. Damit aus dem Umweltbewusstsein weithin Umwelthandeln wird, muss der Staat seinen Bürgern eine bessere Chance zum Klimaschutz geben.

Intelligente Stromzähler sind der Einstieg ins Stromnetz der Zukunft, in dem jeder Haushalt selbstständig agiert. Sein Kühlschrank speichert Energie, wenn sie im Tagesverlauf billig ist, und nutzt sie später. Die Waschmaschine arbeitet immer dann, wenn der Strom wenig kostet. Kleinkraftwerke wie Biomasse-Öfen oder Gasmotoren erzeugen Energie für zu Hause und zum Weiterverkauf ins Netz. Elektroautos stehen als Stromspeicher zur Verfügung. Insgesamt soll ein Öko-Internet mit erneuerbarer Energie entstehen, in dem kleine und unstete Energiequellen in der Summe eine verlässliche Versorgung bilden. Dieses Netz lässt Haushalte und lokale Verbünde an der Energieversorgung teilnehmen und geht über Landesgrenzen hinaus. International wird Wind- und Sonnenkraft dort abgeholt, wo die Natur sie bevorzugt: von der Sahara bis zur Nordsee. Doch welches europäische Land ist führend bei den intelligenten Stromzählern? Italien. Deutschland rangiert unter ferner liefen. Die Bundesrepublik bietet vieles, was für eine Energiewende notwendig ist. Sie fördert beispielsweise erneuerbare Energien so vorbildlich, dass sich mehrere Dutzend Länder den Ansatz abgeschaut haben. Doch mehr Selbstbestimmung gewinnt der Bürger vor allem über ein Öko-Internet. Dessen Bau müsste der Staat stärker als bisher fördern, beschleunigen oder gar erzwingen.

Die Erkenntnis, wir pflegten einen verschwenderischen Lebensstil, löse bei vielen eine immense Lust auf Veränderung und Experimente aus, sagt der Soziologe Claus Leggewie. Der größte Fehler wäre es, diese Leute ins Leere laufen zu lassen. Welches Signal könnte stärker sein als das von James Hansen gewünschte Kohle-Moratorium. Das Land könnte Vorbild werden, würde es neue Kohlemeiler verbieten, solange diese noch Klimagase ausstoßen. Erst sauber werden, dann bauen, heißt das, und nicht: erst mal bauen und dann vielleicht sauber werden. Die Energiekonzerne benutzen dagegen das immer gleiche Argument: Es drohe eine Versorgungslücke. Umso mehr böte sich der Schritt gerade jetzt für die Bundesregierung an, weil sie den Konzernen entgegenkommen und Atomkraftwerke länger laufen lassen will: Dies wäre ein Geben und Nehmen. Außerdem bedeutete es für die Energiefirmen einen gewaltigen Anreiz, die Technik voranzutreiben, mit der sich das Klimagas von der Kohle abscheiden und bunkern lässt. Und die Bürger hätten den ultimativen Beweis: Berlin selbst ändert sein Verhalten. Irgendwo muss die Wende beginnen. Die schlechte Nachricht ist: Der Klimawandel ist erratisch, er beginnt kaum wahrnehmbar und beschleunigt sich irgendwann auf unerwartete Weise – »nichtlinear«, wie Fachleute sagen. Aber eine gute Nachricht gibt es auch: Die Verhaltenswende vollzieht sich ebenfalls nach diesem Muster, fängt also langsam an, fast zufällig und beginnt sich dann zu verstärken. Wir könnten uns selbst positiv überraschen.


Wachstum bedeutet Selbstzerstörung

Von Michael Müller und Hubert Weiger

Aller Effizienztechnik zum Trotz: Wird die Wirtschaft des "immer mehr" nicht infrage gestellt, kommt es zur Klimakatastrophe Wahnsinn war für Albert Einstein die Dummheit, immer das Gleiche zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten. Das gilt auch für den Glaubenssatz »Wachstum, Wachstum über alles«. Ost und West, Nord und Süd sind sich einig wie feindliche Zwillinge, dass dies der Garant für Wohlstand und Beschäftigung ist. Sinkt das Wachstum, verfallen ganze Nationen in kollektive Depression. In der totalen Fixierung auf Wachstum liegt der tiefere Grund für das desaströse Scheitern der Kopenhagener Klimakonferenz. Die dahinter stehende Denkweise brachte 2002 der damalige US-Präsident George W. Bush bei seinem Nein zum Kyoto-Protokoll auf den Punkt: »Unsere Ablehnung beruht auf dem gesunden Menschenverstand, der uns sagt, dass dauerhaftes Wachstum der Schlüssel zum Fortschritt in Umweltfragen ist.« Die Industriestaaten und die Schwellenländer sind derart auf Wachstum fixiert, dass sie Verpflichtungen zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes als Bedrohung für ihre Wirtschaft und für ihre Rolle in der Welt empfinden. Es wird immer schwieriger, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die ersten Opfer der Tatenlosigkeit werden die armen Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika sein.

Studien von William Clark belegen, dass in den vergangenen 40 Jahren die Natur weit stärker geschädigt wurde als in den 500 Jahren zuvor. In der Prognose der Internationalen Energieagentur steigt der Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um weitere 60 Prozent an, überwiegend aus fossilen Quellen. Allein in den vergangenen acht Jahren erhöhte sich die Konzentration des klimaschädlichen Kohlendioxids um 30 Prozent.

Um das knapper werdende Öl wird seit mehr als 20 Jahren Krieg geführt. Viele Konflikte in Afrika sind nur vor dem Hintergrund des ökologischen Kolonialismus zu verstehen, mit dem sich China, die USA, Russland oder auch EU-Staaten den Zugriff auf Rohstoffe sichern wollen. Seit 1992 gehört das zum Aufgabenkatalog der Nato.

Die Quantität des Wachstums schlägt in eine neue Dimension der Naturzerstörung um. Zwischen 1980 und 2001 verdoppelte sich die globale Wirtschaftsleistung. Trotz einer deutlichen Effizienzsteigerung wurden im gleichen Zeitraum 70 Prozent der globalen Ökosysteme schwer geschädigt. Im Krisenjahr 2008 wuchs die Weltwirtschaft »nur« um drei Prozent. Der Versuch, durch Effizienztechnik den Energie- und Rohstoffverbrauch vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln, reicht nicht aus, um die ökologische Selbstzerstörung unserer Zivilisation zu verhindern.

Egal – für den russischen Regierungschef Wladimir Putin bleibt »ohne Wachstum alles nichts«. Chinas Premier Wen Jiabao lehnt die westliche Demokratie ab, weil sie ein Wachstum von acht Prozent gar nicht erreichen könne. Ohne ein gewaltiges Wachstum fürchtet US-Präsident Barack Obama eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise von 1929. Angela Merkel, die sich als Klimakanzlerin feiern lässt, ficht ein »Wachstumsbeschleunigungsgesetz« durch, das nicht einmal 15 Prozent für den Klima- und Umweltschutz bereitstellt. Sie alle rasen auf den Abgrund zu, obwohl die Endlichkeit der Rohstoffvorkommen und die Belastungsgrenzen der Natur seit Jahrzehnten bekannt sind. Im Prager Frühling von 1968 forderte die Nationale Akademie der Wissenschaft den Umstieg vom extensiven auf ein intensives Wachstum. 1972 veröffentlichte der Club of Rome die Meadows-Studie über die Grenzen des Wachstums. 1987 verlangte der Brundtland-Bericht den Wechsel zu einer nachhaltigen Entwicklung. Im selben Jahr warnten die Deutsche Physikalische und die Meteorologische Gesellschaft vor einer globalen Erwärmung um drei Grad Celsius bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Ohne grundlegende Wirtschaftsreformen wird sich nichts ändern. Die Klimakrise wie die Finanzkrise sind zwei Seiten des Wirtschaftskriegs mit der Zukunft, getrieben von der Finanzgier des Kapitalmarkts und der Ausplünderung der natürlichen Lebensgrundlagen. Dieser Krieg kann nicht mit denselben Methoden beendet werden, mit denen er immer noch geführt wird. Vielmehr müssen wir die Ursachen, Triebkräfte und Interessen dahinter verstehen. Dann erst ändert sich etwas. Jetzt sind die Umwelt- und Naturschutzverbände gefordert, eine breite Debatte über Wachstum zu beginnen, damit die Leitidee der Nachhaltigkeit nicht länger für alles und nichts missbraucht werden kann. Es geht um Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit. Ohne eine im wahren Sinne des Wortes nachhaltige Kultur, die Genügsamkeit und Selbstbeschränkung kennt, sind diese Werte nicht zu verteidigen oder zu erreichen.

In vielen Bereichen geht es ums Schrumpfen: Stagnation im jetzigen Energiesystem würde Klimawandel und Ressourcenabbau zwar verlangsamen, aber nicht beenden. Viele Produkte müssen langlebiger und naturschonender werden in einer neuen Art von Kreislaufwirtschaft.

Erst die Wachstumsdebatte setzt die in Kopenhagen verdrängten Fragen auf die Tagesordnung. Dafür sind auch neue Maßstäbe zur Bewertung von Lebensqualität und Wohlbefinden notwendig, wie sie die Glücksforschung vorgeschlagen hat. John Maynard Keynes hat in seinen Langfristbetrachtungen ein mögliches Eldorado beschrieben. Für ihn ist eine »Stagnationswirtschaft« die Chance auf eine »gute Gesellschaft«. Keynes forderte ein dauerhaftes Rohstoff- und Energieregime, das 1949 auch in die Havanna-Charta der UN aufgenommen wurde. Doch diese Ideen müssen gegen starke wirtschaftliche Interessen und überholte Denkweisen durchgesetzt werden.[1]

Zum Ergebnis von Cancún

Zum Kopenhagen-Ergebnis

Klima-Situation

Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderung" hat am 20. November 2009 mahnend auf folgendes hingewiesen:

„Die Hinweise aus der Wissenschaft häufen sich, dass sich die Menschheit bedenklich nahe an kritische Kipppunkte im Klimasystem heranbewegt, selbst bei einer Erderwärmung unter zwei Grad Celsius. Die Politik muss sich in Kopenhagen endlich ihrer Verantwortung stellen und das Risiko gefährlichen Klimawandels begrenzen. Alles andere wäre eine politische Bankrotterklärung" (....). Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass der Menschheit nur noch ein begrenztes Budget an CO2-Emissionen zur Verfügung steht, wenn die kritische Grenze von zwei Grad Celsius über vorindustriellem Niveau nicht überschritten werden soll. Für eine Zwei-Drittel-Chance, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, dürften insgesamt nur noch 750 Milliarden Tonnen CO2 aus fossilen Quellen in die Atmosphäre gelangen. Ausgehend von heutigen Emissionen wäre dieses Budget bereits in 25 Jahren ausgeschöpft. Übersetzt in Reduktionsziele müsste der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um deutlich mehr als die Hälfte gegenüber 1990 reduziert werden. Die Industrieländer wären gefordert, ihre Emissionen sogar um mindestens 80 Prozent zu senken. Diese Ziele sind realistisch nur zu erreichen, wenn die Trendumkehr der globalen Treibhausgasemissionen vor 2020 erfolgt. Selbst wenn die Emissionen ab 2015 sinken würden, bedeutete dies eine notwendige Emissionsminderung von fünf Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Das Kioto-Protokoll verlangte von den Industrienationen eine Minderung in der gleichen Größenordnung, allerdings binnen zwanzig Jahren.“

Der World Future Council (WFC) konstatiert im April 2009: „Städte...sind für 80 Prozent der Kohlendioxid- Emissionen verantwortlich - aber tun nicht genug gegen den Klimawandel und sind gegenüber seinen Folgen kaum gewappnet.“ Nach Ansicht des WFC...“müssen die Städte selbstständig einen Plan erarbeiten, wie sie ihren Energiebedarf langfristig zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen decken können“. Die jüngste WWF-Studie „Modell Deutschland“ vom Oktober 2009 kommt zu folgenden Anforderungen zur: Minderung der Treibhausgase: „-40 Prozent bis 2020 -60 Prozent bis 2030 -80 Prozent bis 2040 -95 Prozent bis 2050 (jeweils ggü. 1990) • Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Energieproduktivität um mindestens 2,6 Prozent pro Jahr. • Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien am gesamten Primärenergieaufkommen: 20 Prozent bis 2020 35 Prozent bis 2030 55 Prozent bis 2040 > 75 Prozent bis 2050

Zur Erreichung dieser Ziele empfehlen die Gutachter fünf strategische Leitplanken: 1. Die Mehrheit der Minderungspotenziale der Treibhausemissionen ist an sehr langfristige Investitions- und Infrastrukturentscheidungen geknüpft (rund 60 Prozent). Deshalb führt eine Politik, die sich kurzfristig auf die vermeintlich preiswerten Minderungsoptionen ausrichtet in die Irre. 2. Alle Sektoren müssen ab sofort deutliche Minderungsbeiträge erbringen. Die Stromer zeugung, der Gebäudesektor, der Verkehr, die Landwirtschaft und die Industrie sind dabei besonders zentrale Handlungsfelder. 3. Die Kosten der Transformation sind mit durchschnittlich 0,3 Prozent und max. 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes überschaubar und verkraftbar, eine Strategie zum Einsatz der erforderlichen Mittel muss schnellstmöglich entwickelt werden. Aufgabe der Politik ist es auch Asymmetrien bei den Kostenbelastungen auszugleichen. 4. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die massive Steigerung der Energieeffizienz müssen zu gleichen Teilen forciert werden. 5. Wir brauchen verstärkte Innovationsanstrengungen vor allem in den folgenden 8 Bereichen: • Energieeffizienz, v. a. bei Stromanwendungen, in der Industrie und bei Fahrzeugantrieben • Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien • Elektromobilität • Erzeugung und Nutzung der Biomasse • Intelligente Netze • Kohlenstoffspeicherung und Abscheidung • Stromspeicherung • Entwicklung neuer Dämmstoffe für Gebäude.“

Diese Mahnungen machen erneut deutlich, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist, das Problem entschieden anzugehen. Es ist klar, dass der energetische Umbau der Städte und Regionen lange Vorlauf- und lange Implementationszeiten benötigt. Wenn die Städte bis 2050 CO2 -frei sein sollen und, wie einige fordern, bis dann auch Energieüberschussleistungen erbringen sollen, muss aufgrund der knappen Zeit in allen größeren Städten und Ballungsräumen nach Lösungen gesucht werden, die die konkreten regionalen Bedingungen mit den allgemeinen Lösungsansätzen verbinden. Dies geht nur mit ganzheitlichen, alle notwendigen Handlungsfelder integrierenden und koordinierenden Ansätzen. Ein solcher Ansatz wird hier erstmals versucht.

Quellenverzeichnis

  1. Die Zeit Nr.1 - 7.1.2010 Wachstum bedeutet Selbstzerstörung